Liebe Familie, Freunde, Beter und Unterstützer!
„Hier ist es zu gefährlich, da möchte ich euch nicht aussteigen lassen“, meinte der Taxifahrer als Angie - meine Freundin und ich uns bei Anbruch der Dunkelheit in einem Viertel befinden, das bekannt ist für seine gewaltbereite und agressive Bevölkerung. Wir sind auf der Suche nach vier Jungen. Sie heissen Daniel (12), Miguel (14), Rafael (16) und Juan (18). Fast jeden Tag fahren sie mit ihrem Pferdegespann durch das Viertel, in dem das Kinderheim ist um Müll auf den Straßen einzusammeln. Kennengelernt habe ich sie, als sie etwas aus unserem Garten klauen wollten. Ich habe angefangen mit ihnen zu reden und für sie zu beten. Inzwischen klingeln sie jedesmal wenn sie vorbeifahren. Ich gebe ihnen etwas zu Essen und sie erzählen mir aus ihrem Leben. Lesen und Schreiben können sie nicht, einer war schon ein halbes Jahr im Gefängnis. Ich versprach ihnen, sie in ihrem Viertel besuchen zu kommen. Doch der Fahrer des Taxis, mit dem wir unterwegs sind sagte mir sehr schnell, dass es diese Adresse, die sie mir diktiert hatten nicht gibt. Der Name des Viertels war mir bekannt und so sagte ich dem Taxifahrer, er sollte uns in das Viertel reinbringen. Nun gut, wir wussten, dass es gefährlich ist, aber ich hatte einen tiefen Frieden darüber, dass Gott will, dass wir sie an diesem Tag besuchen. Also stiegen wir gegen den Rat des Fahrers aus ohne zu wissen, wohin wir uns wenden sollten. Das Viertel ist sehr groß. „Herr, führe du uns zu den Jungen hin“, beteten wir. Wir befanden uns im Zentrum des Viertels und es herrschte reges Treiben. Dann sahen wir in einer engen düsteren Seitenstraße ein Pferdegespann. Ein Mann mit einem kleinen Mädchen saßen darauf. Als wir ihn fragten, ob er die vier Jungs kennt, meinte er: „Nein“!Er war nicht gerade Vertrauen erweckend und wenn das Mädchen nicht gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich schnell das Weite gesucht. Ich hatte das Gefühl, dass er die vier Jungen kennt. Also hakte ich nach.: „Kennst du sie wirklich nicht“? – „Nein, und woher soll ich wissen, dass ihr sie nicht umbringen wollt“? Das waren seine Worte. Krass! Aber damit verriet er uns auch, dass er sie kennt. Wir erklärten ihm den Grund unseres Besuchs und nach einigem Zureden meinte er: „Ich bringe euch in die Nähe wo sie wohnen, aber sagt ja nicht, dass ich euch hingebracht habe“. Also hockten wir uns auf seinen Pferdeanhänger und wurden durch die engen holprigen Gassen gefahren. Wäre nicht diese bedrückende Stimmung und die zahlreichen Betrunkenen auf den Strassen gewesen, dann hätte es eine romantische Kutschfahrt bei Mondschein sein können. An einer Straßenecke hielten wir an und der Mann zeigte mit dem Finger auf ein Haus. Dort wohnen sie. In der Straße spielten viele Kinder. Die Tür eines Hauses öffnete sich und eine alte Frau schrie wüste Beschimpfungen in Richtung der Kinder. Wir klingelten an dem Haus dass der Mann uns zeigte. Die Frau, die öffnete war zunächst etwas zurückhaltend als ich nach den Jungen fragte. Doch nachdem wir uns vorgestellt hatten und ihr den Grund unseres Besuchs erklärten gab sie uns bereitwillig Auskunft. Ja sie wohnen hier. Aber sie sind gerade nicht hier, weil die Schwester von Rafael wegen einer Messerattacke im Krankenhaus ist und die Jungs sie begleitet hatten. In dem Moment kam aber Miguel, einer der Jungen um die Ecke. Als er uns sah blieb er verwundert stehen. Er hätte wohl nicht gedacht uns hier anzutreffen. Normalerweise kenne ich ihn mit verdreckten Klamotten und die Hände schwarz vom Müll einsammeln. Heute war er sauber angezogen und gekämmt. Es war schließlich Feiertag und für die Katholiken der Tag der Schutzheiligen für die Fahrzeuge. Also auch für die Pferdegespanne. Offensichtlich freute er sich uns zu sehen. „Ich bringe euch zu den anderen“, meinte er. Drei Straßen weiter trafen wir dann auf Juan und Rafael. Sie standen auf der Straße vor einer kleinen Kneipe, etwas angetrunken und sehr erstaunt über unseren Besuch. „Wie habt ihr uns gefunden? Hier ist es gefährlich für euch! Habt ihr keine Angst“? Wir wurden sofort den restlichen Anwesenden vorgestellt und ich hatte den Eindruck, die vier Jungen freuten sich. Genau das war auch meine Absicht. Sie sollten merken, dass sie wichtig für mich sind. Die Mutter von Juan erzählte uns, dass sie schwer krank sei und Angst um ihre Kinder hätte. Während wir mit den Leuten dort sprachen sah ich Dinge, die schmerzten. Kinder mit Bierflaschen in der Hand auf der Straße zwischen betrunkenen Erwachsenen, ein Junge und ein Erwachsener die wild mit den Fäusten aufeinander einschlagen, ein alkoholisierter Vater, der seine Frau und die kleinen Kindern anpöbelt. Drogenabhängige, die auf der Straße im Müll herumstöbern, Mädchen mit 13 oder 14 Jahren, die schon ein Baby haben. Das ist der Alltag in diesen Vierteln. Wir fragen ein Mädchen in welche Klasse sie geht. „Nein, ich gehe nicht zur Schule, viele Kinder hier gehen nicht zur Schule.“ Juan, der älteste der Jungen erzählte uns, dass man immer wieder Schüsse im Viertel hört und es nicht wenige Morde gibt. „Die Menschen hier reagieren wegen Kleinigkeiten sehr agressiv“, meint er. Ab Mitternacht sollte man sich hüten auf die Straße zu gehen. Denn ab und zu kommen nachts bewaffnete Gruppen in das Viertel und erschießen die „indigentes“ – Personen, die auf der Straße leben. Sie nennen es „Säuberungsaktion.“ Keiner weiß wer sie sind und selbst die Polizei hütet sich vor denen. Wir reden noch eine Weile mit ihnen, beten für die Mutter von Juan und machen uns voller Dankbarkeit und Freude über Gottes Führen und dass er uns Licht sein lies in einem Umfeld der Bedrücktheit auf den Heimweg. Nun kannte ich also den Lebenshintergrund dieser vier Jungen. Sie haben von klein auf lernen müssen um ihr Überleben zu kämpfen. Gewalt erleben sie tagtäglich. Das hat zur Folge, dass sie nun selbst klauen und gewaltbereit sind. Ich freu mich immer, wenn sie bei uns vorbeifahren und klingeln. Und ich hab schon gemerkt, wie sie anfangen Vertrauen zu fassen und viele Fragen über meinen Glauben stellen. Wie herrlich wäre es, wenn sie ihr Leben von Gott umgestalten lassen würden. Auch wenn es aus menschlicher Sicht fast unmöglich erscheint, für Gott ist nichts unmöglich.


Es war schon im April, als in einem Gottesdienst der Pastor während dem Gebet sagte, dass wir Gott ganz speziell um Dinge bitten sollten. Also hab ich zu Gott gesagt, dass es zwar nicht das Allerwichtigste ist, was wir im Moment brauchen, aber ein Auto wäre für die Einkäufe, für die Fahrten ins Armenviertel und für Transporte der Kids sinnvoll. Ca. 2 Wochen später bekam ich eine email aus Deutschland mit der Anfrage, ob wir ein Auto brauchen können. Was für eine Gebetserhörung. Inzwischen haben wir einen Mitsubishi Wagon. Ein für unsere Zwecke hervorragendes Auto. Geländegängig, viel Stauraum und Sitzplätze. Es ist ein großer Segen für uns. Gott sei Dank!

Seit wir das Auto haben habe ich auch angefangen Familienangehörige der Kinder zu besuchen und mich über ihre Situation zu informieren. Mein Anliegen ist es, dass nicht nur die Kinder Hilfe erfahren sondern dass sich auch ihr Umfeld aus dem sie kommen verändert. Manchmal sind es wirklich hoffnungslose Fälle. Aber es gibt auch Fälle wie der einer Mutter, die sich ändern könnten. Sie musste mit ihren drei Kindern vom Land in die Stadt flüchten. Zunächst lebten sie vom Betteln auf der Strasse. Später konnte die Mutter eine Arbeit finden. Sie bekam ein viertes Kind von einem Mann den sie kennenlernte. Er hat ihr geholfen eine bessere Unterkunft mit zwei Zimmern zu finden. Doch der Preis den sie dafür bezahlt ist erschreckend. Der Mann hat eine Ehefrau und nebenher verschiedene andere Frauen. Bei ihr wurde nun eine Geschlechtskrankheit festgestellt. Ausserdem behandelt er sie nicht gut. Sie ist finanziell abhängig von ihm. Das ist der einzige Grund, warum sie das mit sich machen lässt. Zwar arbeitet sie fleissig und verkauft Würstchen auf der Strasse, doch davon kann sie sich und die Kinder nicht über Wasser halten. Sie ist sehr offen für das Evangelium und möchte so schnell wie möglich diesen Mann verlassen. Als wir mit ihr redeten, kam mir das Gleichniss vom Barmherzigen Samariter in den Sinn und ich hatte den Eindruck, dass wir nicht nur für sie beten, sondern ihr aktiv aus ihrer Lage heraushelfen sollten.
Eine gute Möglichkeit für sie wäre es, ihr beim Aufbauen eines kleinen Geschäfts zu helfen. Da bin ich gerade dabei mich umzuhören, was dafür nötig ist. Auch deshalb, weil ich am überlegen bin, wie wir für die Einrichtung hier ein Geschäft oder ein kleines Restaurant oder Café aufmachen können, um finanziell unabhängiger von den Spenden aus Deutschland zu werden und um unseren älteren Kids bzw. wie in diesem Fall den Müttern eine Möglichkeit zum Arbeiten hätten.
Nachdem ich nun schon drei Mal in einem Viertel namens Corinto war, und ich den Eindruck hatte, dass es dort notwendig wäre, eine Arbeit zu beginnen, waren wir letzten Samstag mit Angelika Walker und Angie dort um zu beten und mit dem Vorsteher des Viertels zu sprechen. Er heisst José und ich habe den Eindruck, dass er uns wohlgesinnt ist. Das Viertel ist vom Staat als hohe Risikozone eingestuft, da sich der Untergrund dort bewegt und Erdrutschgefahr besteht. Es ist ein armes Viertel. Die meisten Menschen leben vom Müll recyclen oder haben zeitweise Jobs als Wächter oder auf dem Bau. Die Jugendlichen haben kaum eine Zukunft. Es fehlen positive Vorbilder. So rutschen nicht wenige ab in Drogenkonsum und Kriminalität. Die Kinder sind Gewalt und Missbrauch ausgesetzt.

Mir ist es wichtig dort erst einmal im Kleinen anzufangen und das Vertrauen der Leute zu gewinnen, bevor wir grössere Aktionen planen. In den Gesprächen, die wir mit den Erwachsenen hatten, hatte ich den Eindruck, dass sie uns zunächst kritisch beäugten, sie aber sehr erfreut sind, dass wir etwas für ihre Kinder machen wollen. Was wir in den Gesprächen auch festgestellt haben ist, dass die meisten Kinder Probleme in der Schule mit Englisch haben. Das werden wir ausnutzen und Englischunterricht anbieten. Die Idee hat sich herumgesprochen und es kamen schon viele Eltern auf uns zu und fragten, ob ihre Kinder auch in den Englischunterricht dürfen. So sehe ich den Unterricht als ein hervorragender Türöffner, um den Kindern von Jesus zu erzählen und die Erwachsenen für uns zu gewinnen. Wir werden nun jeden Samstag dort sein und ein Programm für die Kinder anbieten. Bitte betet um Schutz und eine Offenheit der Menschen für das Evangelium.
Während Angelika in Deutschland war, war meine Aufgabe auch, mich um die Mitarbeiter zu kümmern. Eine Aufgabe vor der ich anfangs sehr viel Respekt hatte, ich nun aber sehr dankbar zurückblicke auf die vergangenen vier Monate. Es war nicht immer einfach, mir die Klagen von einem Mitarbeiter über den anderen anzuhören, für Frieden zu sorgen wenn Uneinigkeiten da waren, Fehlverhalten zu korrigieren, etc. Eine Mitarbeiterin musste ich sogar entlassen, nachdem es Unstimmigkeiten gab und sie ihre Arbeit nicht zu unserer Zufriedenheit verrichtete. Ein besonderes Erlebnis war für mich an einem Abend, als die Mitarbeiter des Mädchenhauses geschlossen vor allen Kindern um Vergebung baten. Das war die Folge eines Buches über Kindererziehung im Sinne Gottes, das ich mit ihnen angefangen hatte zu bearbeiten. Immer wieder ist dabei von der Einheit der Eltern untereinander bzw. in unserem Fall von uns Mitarbeitern die Rede. Und da herrscht durch die unterschiedlichen Kulturen und Generationen nicht immer Einheit. An diesem Punkt sind wir nun am Arbeiten und das gesamte Team ist bereit für eine Veränderung. Ausser Sandra, die seit einem Monat bei uns ist, sind es alle langjährige und treue Mitarbeiter, die ihre Arbeit mit den Kindern ernst nehmen und gut machen. Auf dem Foto seht ihr oben von links nach rechts Liliana, Ingrid und ich. Unten Aura, Angelika, Sandra, Silvia und Teresa.

Juan Esteven heisst ein neuer Junge, den wir aufgenommen haben. Er ist 9 Jahre alt und hat seither mit seinen 3 jüngeren Geschwistern, der Mutter und der Oma zusammen in einem Raum in einem der krasseren Armenviertel von Bogotá gewohnt. In diesem Raum befindet sich ein Bett, ein Schrank, eine Kochstelle, ein Fernseher und das war es auch schon. Die Wände sind mit Zeitungspapier tapeziert. Der Vater von Juan ist unbekannt, der Vater der Geschwister wurde umgebracht. Juan, ein äusserst begabter Schüler und hilfsbereiter und netter Junge wurde von der Mutter Anfang des Jahres aus der Schule genommen, nachdem er von einer Jugendbande dort unter Druck gesetzt wurde, bei ihnen mitzumachen. Er möchte nicht abrutschen sondern etwas aus seinem Leben machen, sagt er. Diese Möglichkeit soll er bei uns bekommen. Es wäre schön, wenn wir Paten für ihn finden können.

Endspurt ist für die Kids in der Schule angesagt. Ende November hört das Schuljahr auf. Die meisten unserer Kinder sind gute bzw. sehr gute Schüler. Angie, Steven, Daniel, Juan David und Luis Carlos sollten das Lernen ernster nehmen und auch ihr Benehmen gegenüber Lehrern und Mitschülern ändern. Es vergeht kaum eine Woche, in der man nicht in eine Schule gerufen wird und sich die Lehrer beklagen. Bitte betet besonders für diese fünf.

Mir persönlich geht es sehr gut. Zu sehen, wie Gott seine Fäden fleissig spannt in meinem Leben und er mich Schritt für Schritt weiterführt in seinen Plänen, erfüllt mich mit einem tiefen Frieden. Angie hatte im September ihren 23. Geburtstag und wir haben uns im Kreis ihrer Familie und Freunde verlobt. Sie ist eine wunderbare Bereicherung für mich und für die Arbeit von Aktion Barmherzigkeit.
Etwas, das mir schwer fällt, und ich glaube ihr merkt es auch, ist mich bei all den treuen Freunden und Ermutigern zu melden. Es ist nicht leicht für mich, hier Beziehungen aufzubauen und gleichzeitig die alten Freundschaften dort im gleichen Mase weiterzupflegen. Oft plagt mich deshalb das schlechte Gewissen. Ihr seid und bleibt sehr wichtig für mich, auch wenn ich es nicht so zeigen kann, wie ich es gerne wollte.
Nun habe ich euch ein wenig Einblick gegeben in unterschiedliche Situationen und in ein paar wichtige Ereignisse. Angie meinte nach dem letzten Besuch in einem Armenviertel zu mir. Weisst du, das vermisse ich bei meiner Arbeit im Büro. Dort sitze ich den ganzen Tag vor dem PC und mache meinen Job, nur damit mein Chef zufrieden ist. Du kannst mit nur einem Lächeln, einer Umarmung, einem ermutigenden Wort oder mit der praktischen Hilfe das Leben vieler Menschen froher machen und weisst danach, dass du etwas gutes und sinnvolles getan hast“. Eines ist ganz klar: Ohne eure Unterstützung und ohne die treue Versorgung Gottes, die mich immer wieder auf’s Neue ins Staunen bringen, könnten wir hier gar nichts bewegen. Herzlichen Dank!
Der Herr ist gut, in dessen Dienst wir stehn! Er segne euch!
Euer Tobias
Denn ich weiß, was für Gedanken ich über euch habe, spricht der HERR,Gedanken des Friedens und nicht des Leides, euch eine Zukunft und eine Hoffnung zu geben.
Jeremia 29,11